9/11 – Hannover am 11. September 2001

Freiheitsstatue - Statue Of Liberty in New YorkDies ist nicht mein erstes Weblog. Jahrelang habe ich unter einer anderen Adresse geschrieben. Dieses Blog ist heute nicht mehr öffentlich. Ich habe dort sehr unverblümt, nicht anonym geschrieben. Daraus resultierende Erfahrungen lassen mir das Thema “Online Reputation” heute sehr wichtig erscheinen.

Zum heutigen Jahrestag des 11. Septembers 2001 habe ich dort einen Artikel ausgegraben, den ich 4 Jahre nach dem Anschlag in New York geschrieben habe. Im September 2001 war ich 18 Jahre alt und in der Berufsausbildung. Mein Arbeitsplatz war in der 10. Etage eines Büro-Komplex in der Innenstadt von Hannover.

Heute ist der 11. September 2005. Ein viertes Mal jährt sich ein Ereignis, dass die Welt verändert hat. Auf vielerlei Art. Wieder flackern Bilder über den Fernseher, die ich eigentlich nicht noch einmal sehen möchte. Wieder kommen Zeugen zu Wort die nichts Neues mehr erzählen können. Und wieder und wieder sieht man die brennenden Türme in sich zusammenfallen.

 

Der 11. September 2001 ist ein Büro-Alltag wie jeder andere. “Das da was ganz schlimmes in New York passiert ist” erfahre ich plötzlich von einem Arbeitskollegen per E-Mail. Spiegel online ist die erste Adresse. Der Server ächzen schon unter Anfragen, die Seite baut sich nicht mehr komplett auf. Kein Design mehr, keine Bilder. Nur Text. Dieser dafür umso erschreckender. Es hat keine Minute gedauert, bis ich mir sicher war, dafür den Büroalltag unterbrechen zu dürfen. “Hey! Ich muss euch gerade mal allen etwas vorlesen! Da ist ein Flugzeug ins WTC geflogen, der eine Turm brennt!” Erst wird nur am Rande zugehört, dann zunehmend intensiver. Viele Augen schauen immer ungläubiger und man hört keinen Ton mehr. Das Klappern der Tastaturen stoppt, auf das Klingeln der Telefone reagiert niemand mehr.

 

Viele meiner Kollegen haben zuerst gedacht, ich will sie verarschen. Aber noch während ich vorlese, rufe ich weitere Nachrichten im Hintergrund ab. Füttere weiter mit Infos. Die ersten Kollegen bekommen E-Mails mit gleichen Inhalten. Von Kollegen aus dem Haus, von Bekannten in anderen Büros, von Freunden, von Verwandten. “Hast du es schon gehört?” Einige Handys fangen an zu piepen. SMS werden empfangen und gesendet. “Das kann nicht wahr sein! Das darf nicht wahr sein! Sag mir bitte, dass ich das alles nur träume!” Die Informationsflut wird immer zäher. Andere Websites haben schon komplett aufgegeben, sind gar nicht mehr erreichbar. Der Spiegel trotzt dem Ansturm. Die Bilder sind schon längst aus den Artikeln genommen, das Design ist sehr spartanisch. Das ist egal. Infos! Ich will das nicht glauben. Ich will mehr darüber wissen. Passiert das gerade wirklich?

 

Ich rufe meine Mutter an. Einfach nur so. Weil ich gerade das dringende Bedürfnis habe, mit daheim zu telefonieren. Sie ist zu Hause. Hat noch nichts mitbekommen. Ein paar Tränen kullern mir die Wange herunter als ich ihr erzähle, was gerade los ist. Es ist plötzlich sehr still am anderen Ende der Leitung aus dem “Hey! Schön, dass du dich mal meldest!” wird ein heiseres “Warte kurz. Ich mach den Fernseher an!” Dann höre ich über die Leitung eine Blitzmeldung mit. Die gleichen Worte, die ich die ganze Zeit lese. Kurz darauf fliegt das zweite Flugzeug in das World Trade Center. Meine Mutter bekommt es über den Fernseher ein bisschen schneller mit als ich und fängt an zu weinen. Kurz darauf lese ich es laut von den Seiten des Spiegels vor.

 

Fassungslosigkeit. Nicht begreifen wollen, nicht begreifen können in vielen Gesichtern. Das ist auch so ziemlich das letzte, was an Informationen fließt. Dann fahren unsere Mailserver herunter. Die Last ist zu groß. Kurz danach steigen die Proxys aus und die Firewalls machen dicht. Nichts geht mehr. Wir sind abgeschnitten. Nur noch vereinzelt dringen Informationen zu uns durch. Von Kollegen, die Neues über das Handy erzählt bekommen. Irgendwer gräbt ein kleines Radio aus. Ein Werbegeschenk. Der Sender ist egal, Musik wird sowieso nirgends mehr gespielt. Wieder neue Infos. Ein Terroranschlag! Gott, wie ist sowas möglich? Wer macht sowas? Erste Schätzungen wieviele Menschen sich in den Gebäuden aufhalten.

 

Dann schreit der Moderator plötzlich den ganzen Raum zusammen: “Er stürzt ein! Mein Gott, er stürzt ein! Der eine Tower bricht in sich zusammen! Das glaube ich nicht!” er schluchzt und kann nicht weitersprechen. Das Radio bleibt stumm. Wir schalten um. Auch auf anderen Kanälen gerade erschreckende Stille. Eine leise Stimme, die vor sich hinmurmelt: “Er existiert nicht mehr. Der eine Tower existiert nicht mehr. Er ist einfach eingestürzt. Weg. Eine riesen Rauch- und Staubwolke hüllt gerade ganz Manhattan ins Halbdunkel. Er existiert nicht mehr.”

 

Im Büro ist immer noch Stille. An seinem eigenen Schreibtisch sitzt schon lange keiner mehr. Mittlerweile haben auch Kollegen in anderen Büros mitbekommen, dass wir ein Radio haben. Internet funktioniert ja nicht mehr. Mailen auch nicht. Viele kommen zu uns. Ganze Abteilungen rücken an. Schweigend. Still. Ungläubig. Fassungslos. Einige weinen. Ich sitze neben einer Kollegin die sonst eigentlich immer einen dummen Spruch auf den Lippen hat und ihre lebensfrohe Stimmung nicht selten auf das ganze Büro überträgt. Heute bleibt sie stumm. Wir halten uns gegenseitig an den Händen fest. Versuchen uns irgendwie gegenseitig ein bißchen Kraft zu geben. “Wir sind weit weg.” Es hilft nicht wirklich viel. Es fühlt sich sehr nah an. Das Büro ist mittlerweile randvoll. Dicht an dicht stehen Menschen, die einfach nicht realisieren können, was da gerade passiert.

 

Mittlerweile sind wir auf einem anderen Sender. “Er bricht… Himmel! Er fällt in sich zusammen. Der zweite Turm fällt. Die Staubwolke wirbelt Kilometerhoch. Mein Gott, wie viele Menschen sind da noch drin!”

 

Es wird noch ein bißchen stiller. Hilfesuchende Blicke aus verständnislosen Augen. Überall. Das das Pentagon offensichtlich auch Ziel einer Attacke war, bekommen wir erst jetzt mit. Auch nur in Bruchstücken. Neue Informationen gibt es kaum. Die Batterien sind alle. Dafür geht das Internet wieder. Wieder neue Informationen. Das weiße Haus wird evakuiert. Man befürchtet auch hier einen Anschlag. Minuten später stürzt ein Flugzeug bei Pitsburgh ab das wohl genau dorthin sollte. Zum weißen Haus.

 

Langsam leert sich unser Büro wieder. Internet hat jeder am eigenen Platz. Ich geh nach Hause. Ich muss raus aus dem Gebäude. Ein bisschen frische Luft. Ein bisschen allein sein. Den Rest des Tages verbringe ich damit, mit Menschen zu telefonieren die mir wichtig sind. Und immer wieder die gleichen Worte “Das kann nicht sein! Das darf nicht sein! Ich glaube das einfach nicht!”.

 

Es blieb aber nichts anderes. Mit der Zeit. Auch heute werde ich immer noch sehr still, wenn diese Bilder auftauchen. Kann ich mir keinen Bericht darüber anschauen, ohne irgendwann ein paar Tränen kullern zu lassen.

Mittlerweile war ich mehrfach in New York. 2012 werde ich wohl wieder hinfliegen. Ich liebe diese Stadt. Jedes Mal fluche ich bei der Einreise über die langen Warteschlangen, die einem nach einem langen Flug willkommen heißen. Viele Dinge haben sich aufgrund des 11.09.2001 verändert. Nicht wenige davon werden wohl bleiben. Auch die tiefen Wunden im Boden dort wo die Twins einst standen.

Blick von New Jersey auf die Skyline von New York
Blick von New Jersey auf die Skyline von New York. Relativ weit rechts sieht man zwischen den zwei höchsten Türmen des World Financial Centers die Baustelle für One World Trade Center. – Foto: Sebastian Wendler, 2010

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